An der kleinen Werkstatt am Overather Bahnhof zappeln Luftballons zum Jubiläum. Drinnen stehen die ledernen Schützlinge des 63-jährigen Schuhmachermeisters in Reih und Glied. Die einen abholbereit, die anderen warten darauf, unter seinen fachkundigen Händen neues Leben eingehaucht zu bekommen. Mit der Durchnähmaschine vernäht er Schuhböden, an der Presse sorgt er für „bombenfesten“ Halt neu verklebter Sohlen, mit der Wachsbürste gibt er beim „Ausputz“ den letzten glänzenden Pfiff. Viele Schritte, alles Handarbeit. Selbstverständlich verwendet Rolf Brumm nur erstklassige Materialien namhafter Hersteller.
MeisterBrumm
Schuhmacherei
An den Gärten 17
51491 Overath
Tel. +49 2206 8579789
rolf.brumm@schuhmachermeister.com
www.schuhmacherei-rolfbrumm.de
Schuhreparatur ist nachhaltig
Schuhreparatur sei nachhaltig, betont Rolf Brumm. In Deutschland landeten etwa 380 Millionen Paar Schuhe jedes Jahr auf dem Müll, die meisten davon seien unverwertbare Sneaker. Was ihn, eine sonst umgängliche Frohnatur, brummig stimmt – und schon vor vielen Jahren zum Handeln animierte. Seither lädt seine Schuhsammeltruhe dazu ein, ausrangierte, jedoch saubere und noch tragbare Schuhe abzugeben. Über „Lohmar hilft“ führt er sie nützlichen Zwecken zu. „Das ist mir wichtig!“ Genauso wichtig, wie die Aktion Lichtblicke, die er seit Jahren unterstützt und für die er auch bei seinem Jubiläumsfest – statt Geschenken – um Spenden bittet. Am Ende kann er 600 Euro überweisen!
Bei Rolf Brumm ist der Kunde König, er schätzt sein Feedback und macht es ihm leicht. Wer nicht bis Overath fahren möchte, findet daher von Much bis Köln knapp zehn Annahmestellen (Standorte auf der Homepage), die der Schuster einmal wöchentlich abfährt. Vor einigen Jahren hat er außerdem eine Schuhbox vor der Werkstatttür aufgestellt, die 24 Stunden täglich zuverlässigen Annahmeservice bietet: Kunden deponieren dort auf sichere Weise ihre reparierbedürftigen Schuhe inklusive eines Vordrucks, auf dem sie ankreuzen, wo „der Schuh drückt“. Der Meister ruft zurück, bevor er Hand anlegt. Manchmal erhält er defektes Schuhwerk auch per Post.
„Guter Service gehört zu meiner Lebensphilosophie“, bekennt der 63-Jährige. Und deshalb nimmt er von Freunden und Nachbarn sogar Reparaturen zu Hause an, in Eikamp, wo er mit seiner Frau Silke wohnt. Nachbarsfreundin Gabi Kumpf, die Wanderschuhe und anderes bisher immer privat abgegeben hat, gesteht beim Jubiläumsfest: „Tatsächlich bin ich heute das erste Mal im Laden.“ Für sie ist „unser Brummi“ eine Instanz, die weit über das Fachliche hinausgeht. Sie schätzt sein Herz, und ist damit in bester Gesellschaft vieler anderer, was auch die Einträge im Website-Gästebuch widerspiegeln, die der Schuster selbstverständlich selber pflegt und aktualisiert – inklusive Urlaubsabwesenheiten.
Hilfe auch für Koffer, Gürtel, Taschen & Co
Neben Schuhen und Sneakern möbelt Rolf Brumm auch Motorrad- und Reitstiefel auf, repariert Gürtel, Taschen und vieles mehr. „Wir sind sehr beeindruckt von seiner Hilfsbereitschaft“, schwärmt Birgit Haag, Kundin und Wanderfreundin aus Bergisch Gladbach. Egal welches handwerkliche Problem es gebe, Rolf Brumm versuche es zu lösen. „Ich habe einen Lieblingsbeutel, den habe ich seit meinem 25. Lebensjahr – jetzt bin ich 60. An der Hauptschnalle war etwas abgebrochen. Das hat er mir repariert – ich weiß nicht wie. Das war für mich so besonders.“ Viele solcher Geschichten sind am Jubiläumstag zu hören zwischen Gegrilltem, Popcorn, Getränken und dem Nietgerät, mit dem sich kleine Taschen fertigen lassen. Eine Bechenerin erzählt: „Bei mir hat er sogar mal beim Riesensonnenschirm die Nähte nachgenäht.“ Eine Eikamperin setzt schmunzelnd hinzu: „Er repariert auch schon mal Koffer – oder BHs.“
Seit 40 Jahren ist Leder der Stoff, aus dem die Träume des Rolf Brumm sind. Was mit der Idee eines Nachbarn und einem Schulpraktikum begonnen hatte, trug nicht absehbare Früchte. Der junge Rolf Brumm machte sich in Köln-Mülheim selbstständig, ging 1995 nach Overath – und ist bis heute von der Schuhmacherei fasziniert. Hautnah hat seine Schwester Brigitte Kratzheller alle Stationen miterlebt und für das Jubiläum in bewegenden Worten nachgezeichnet. Ihr Fazit: „Als Schuhmachermeister hast du mehr getan, als nur Schuhe zu reparieren. Du hast Wissen geteilt, Begeisterung geweckt, Kinder staunen lassen, neugierig gemacht, auf echtes Handwerk, auf ehrliche Arbeit.“ Womit sie auf die Besuche von Kindergärten und Aktionen mit Kindern anspielt, beispielsweise das Bepflanzen von mitgebrachten alten Schuhen.
Angelockt von guten Bewertungen, bin ich freitags von Gummersbach mit einem Paar „gute“ gebrauchte Schuhe zu ihm gefahren. Montags, als ich meine Schuhe abgeholt habe, sind daraus „sehr gute“ neuwertige Schuhe geworden und das zu einem Preis, der als günstig zu bezeichnen ist.
Kunde im Gäsetbuch der Homepage
Kaum Nachwuchs trotz solidem Verdienst
Trotz all dieser fachlichen und persönlichen Wertschätzung: Am Schuster-Nachwuchs herrscht extremer Mangel. „Ich habe in 40 Jahren drei Praktikanten gehabt“, sagt Rolf Brumm, der sogar das Anfertigen von Maßschuhen gelernt hat. Als er in den 70er-Jahren neben der Hauptschule in einer Schuhmacherei jobbte, war dies eine von rund 82.000 in Deutschland. Vor zehn Jahren gab es noch etwa 7.000, im Jahr 2022 nur noch 1.700. Bundesweit befänden sich im 1. bis 3. Lehrjahr insgesamt lediglich 20 bis 30 Auszubildende, bedauert der Fachmann, der als MeisterBrumm für viele Kunden die letzte (Schuh-)Rettung ist. Für ihn ist es unverständlich, dass sich so wenige für sein Handwerk begeistern. „Es ist immer noch Geld damit zu verdienen. Und es ist eine relativ preisgünstige Möglichkeit, sich selbstständig zu machen. Denn viele alte Kollegen hören auf. Das Equipment kann man also gut gebraucht kaufen. Und man braucht relativ wenig Platz. Oder man übernimmt einen Betrieb. Damit kann man gut seinen Lebensunterhalt bestreiten.“ Wer jetzt Schuster werde, habe vielleicht nicht goldenen, aber stabil silbernen Boden unter den Füßen, ist Rolf Brumm überzeugt.
Er selbst schließt seinen Laden auch nach 40 Jahren immer noch gerne jeden Morgen auf. Er repariert, ändert und verkauft außerdem professionelle Schuhpflegemittel, Einlegesohlen, Schnürsenkel, Schuhbürsten und anderes rund um Schuh und Leder. „Das Schöne“, sagt er strahlend, „ist der Kontakt mit der Kundschaft und ein abwechslungsreicher Arbeitstag. Jeden Tag gibt es neue Herausforderungen, Abwechslung, andere Kunden, neue Klebetechniken. Ich fühle mich hier einfach wohl.“
Rolf Brumm
„Wer jetzt Schuster wird, hat vielleicht nicht goldenen, aber stabil silbernen Boden unter den Füßen.“
Immer wieder Neues: von Schuhbox bis Wandgemälde
Auf Basis dieser Arbeitszufriedenheit entwickelt der 63-Jährige immer wieder neue Ideen. Außer Kinderaktionen, sozialen Projekten, dem Aufstellen der Schuhbox sowie dem Einstieg ins Internet und später in Social Media hat er inzwischen auch ein Lastenfahrrad angeschafft. Mit diesem fährt er bei gutem Wetter seine Schuhannahmestellen an und pendelt zwischen Zuhause und Werkstatt. „Er geht mit der Zeit, lässt sich immer wieder etwas einfallen“, lobt Kundin Michaela Wilkerling aus Bechen. Sie und andere hat er vor drei Jahren mit einem Mural total verblüfft: Als eine Mauer am Werkstatteingang einen neuen Anstrich benötigte, bestellte Rolf Brumm statt schlichtem Weiß ein großes Wandbild, das sein Handwerk darstellt. „Die Künstler von Octagon Graffiti Art aus Lohmar waren eine Woche hier!“ Beim Jubiläumsfest erntet das Wandbild erneut bewundernde Blicke und Kommentare. „So was kann man aus seinem Beruf machen!“, zollt eine Besucherin Respekt.
Zumachen, wie so viele andere seines Metiers? „Auf keinen Fall!“, entrüstet sich Rolf Brumm. „Dafür habe ich zu viel Spaß dabei.“ Er bleibt bei seinem Leisten getreu seinem Motto: „Sohlen durch, Absatz krumm – hin zu MeisterBrumm!“ Da passt es, dass eine Kundin beim Gehen ruft: „In zehn Jahren kommen wir wieder!“
Text & Fotos: Ute Glaser




