Anfangs wurde das Overather S.P.O.R.T Institut von manchen Anwohnern mit einem weiteren Fitnessstudio verwechselt. Betritt man es, wirken Empfang und Wartebereich jedoch eher wie eine moderne Arztpraxis. Auch das ist es aber nicht. In den weiteren Räumen finden sich Physiotherapie-Räume, Räume mit ungewöhnlichen Trainingsgeräten und ein Raum für Blutabnahmen. Was ist das hier eigentlich? Kurz: Es ist einzigartig.
S.P.O.R.T Institut
Lindlarer Straße 95
51491 Overath
Tel. +49 2204 5089740
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Wie alles begann
2020 hätte der COVID-19 Ausbruch für Dr. Björn Haiduk auch das Scheitern seines nur Monate zuvor gegründeten Unternehmens bedeuten können. Doch er machte – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Not eine Tugend und beschäftigte sich intensiv mit dem Virus. Denn das Virus kam und blieb – in den Körpern von Millionen Menschen auch noch nach Wochen und Jahren.
Long-COVID: Hohes Leid für Betroffene, hohe Kosten für die Gesellschaft
Long-COVID wird mit rund 200 Symptomen verbunden. Die häufigste ist Fatique, eine extreme und anhaltende Erschöpfung, die durch normale Ruhe nicht behoben wird und das tägliche Leben stark beeinträchtigt, sowie eine Belastungsintoleranz. Weitere sind Defizite bei Aufmerksamkeit und Konzentration, Kopf- und Gliederschmerzen, Depression, Kurzatmigkeit, Herzprobleme. Bis heute gibt es kein zugelassenes Medikament gegen die Langzeitfolgen der Erkrankung.
Die veröffentlichten Zahlen über die Betroffenen schwanken, liegen in Deutschland aber mindestens bei 1,5 Millionen, vielleicht noch weit höher. Einzelne Studien kommen sogar auf über zwölf Millionen Betroffene. Die Dunkelziffer ist groß. Die Behandlung der Patienten sowie Arbeitsausfälle und Produktivitätsverluste kosten Krankenkassen, Arbeitgebern und Staat je nach Studie zwischen 40 und über 60 Milliarden Euro – pro Jahr. Das entspricht etwa ein bis 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa den jährlichen Ausgaben für das Bürgergeld.
Vor über drei Jahren erschien der erste RBW-Blogbeitrag über das Institut. Damals begann Long-COVID gerade erst ernstgenommen zu werden. Im S.P.O.R.T.-Institut war das TRIBAL-Programm entstanden, die TRainingsbasierte Individualisierte BehAndlungsmethode für Long-COVID. Björn Haiduk beschreibt das Ziel mit einem Alltagsvergleich: „Wenn man ein Auto kauft, erwartet man, dass es auf der Autobahn 130 km/h fährt, ohne dass es stottert.“ Das gelte für jeden einzelnen seiner Patienten. „Return-To-Function“ heißt es im Fachjargon – zurück zu einem normalen stotterfreien Leben. Keine Symptome, keine funktionellen Einschränkungen. Parallel zur Therapie baute Haiduk mit den Daten aus der Praxis die empirische Forschung auf.
Drei Jahre später ist ein interdisziplinäres Team aus Sportwissenschaftlern, Physiotherapeuten, Medizinern und Mitarbeitenden in Forschung und Verwaltung tätig. Aus zwei Zimmern, Küche, Diele, Bad bei der Gründung sind 400 Quadratmeter geworden. Björn Haiduk hat vier Patente im TRIBAL-Kontext angemeldet. Das Institut ist eine anerkannte Forschungseinrichtung und wird durch Bundesministerien gefördert. Sie hat Zertifikate erhalten, darunter die Heilmittelzulassung, so dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen können. „Das mag immer noch nicht groß sein“, sagt der Gründer. „Dafür sind wir aber schnell und effektiv.“
Wenn der Tacho verzerrt ist – Diagnostik neu gedacht
Im Normalfall kenne der Mensch seine Grenzen, sagt der Sportwissenschaftler. Bei Long-COVID aber sei der Puls wie ein „verzerrter Tacho“, man müsse daher „nach Drehzahl“ fahren. „Wir dürfen nicht alles in einen Pott werfen, wir müssen differenzieren, das ist der Ausgangspunkt. One size fits all funktioniert nur bei Socken.“
Die Diagnostik basiert auf drei sich ergänzenden Dimensionen: Die subjektive Gesundheit, die der Patient selbst beschreibt und die objektive gemessene Leistungsfähigkeit. Im Rahmen der Studie ergänzt eine Blutanalyse die Erhebung.
TRIBAL zeigt Wirkung – empirisch belegt und skalierbar
Die gemeinsam mit der Sporthochschule durchgeführte Studie zur Wirksamkeit des TRIBAL-Programms – inklusive der steuernden Software – zeigt signifikante Verbesserungen der körperlichen Leistungsfähigkeit und eine erste Reduktion der Fatigue nach rund zwölf Wochen. „Wir haben nicht nur ausprobiert, was funktioniert, wir wissen jetzt, dass es funktioniert“, fasst Haiduk zusammen. „Viele Teilnehmende haben Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit zurückgewonnen.“ Inzwischen geht die Zahl der Teilnehmer Richtung 200. Von 100 Teilnehmenden in der Studie haben 18 das Programm beendet. Alle haben ihre Ziele erreicht. Die Erfolgsquote liegt zwischen 7,4% und 18%, ein vielversprechender Ansatz.
Durch die Software, die klare Behandlungsschritte anzeigt, ist das TRIBAL-Programm skalierbar und wird inzwischen deutschlandweit bei zwölf Kooperationspartnern angeboten. Partner im TRIBAL-COOP-Netzwerk können Physiotherapiepraxen mit bestimmten Voraussetzungen werden.
Dr. Björn Haiduk
„Wir müssen differenzieren, das ist der Ausgangspunkt.“
Lücken schließen zwischen Theorie und Praxis
„Forschung und unmittelbare Praxisanwendung fließen bei uns 1:1 ineinander“, sagt er. „Das ist einzigartig in Deutschland.“ Damit möchte Björn Haiduk die Lücke zwischen Forschungstheorie und Anwendungspraxis schließen. Herauskommen sollen belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse, die in Leitlinien und therapeutische Ansätze zur Behandlung von Long-COVID münden.
Nach den Erfolgserlebnissen der TRIBAL-Studie geht das Institut nun einen weiteren großen Schritt in der Forschung: Die Entwicklung eines flächendeckend einsetzbaren Biomarkers – ein messbares Blutmerkmal, das Long-COVID valide diagnostizieren hilft (siehe Kasten).
Neue Studie: Verlässlicher Marker für Long-COVID
„Wer Long-COVID hat, entscheidet der Arzt“, sagt Björn Haiduk. Die Diagnose erfolgt anhand der Bewertung der Symptome des Patienten und ist damit unscharf.
Für eine sichere Diagnose wäre ein nachweisbarer Marker notwendig. Haiduks Augenmerk richtet sich auf die roten Blutkörperchen, die das Virus nachweislich verändert. Sie können verklumpen und den Blutfluss verändern. Damit können sie die Durchblutung stören und gegebenenfalls zu Sauerstoffmangel in Geweben führen.
Diesen Zusammenhang will Björn Haiduk untersuchen. Dafür kooperiert er mit der Abteilung Molekulare und zelluläre Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln und wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert. Das Ziel: Die Entwicklung eines flächendeckend einsetzbaren Biomarkers, also eines messbaren biologischen Merkmals, das eine valide Diagnose von Long-COVID ermöglicht.
Dieses soll in eine alltagsbegleitende Therapie-App integriert werden „Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es über die Grundlagenforschung hinausgeht und konkrete, anwendungsorientierte Lösungen für die Versorgung von Long-COVID-Betroffenen bietet – mit hoher gesellschaftlicher Relevanz“, sagt Haiduk.
Leitprinzip: Der Mensch im Mittelpunkt
„Wir kümmern uns nur um eins, um den Menschen“, sagt Björn Haiduk. Und der sei nun mal sehr individuell. Auf seine Patienten bezogen laute die Frage also: „Wo sind bei jedem Einzelnen die Grenzen und wo sind seine Potenziale?“ Dabei bezieht er sich nicht ausschließlich auf von Long-COVID Betroffene, sondern auch auf andere Patientengruppen mit komplexen, chronischen und degenerativen Erkrankungen.
Das wissenschaftliche Fundament
Die im S.P.O.R.T Institut entwickelten Konzepte, Methoden und Diagnostiken beruhen auf drei Einflüssen: Sportwissenschaften, Mechanophysiologie und einem translationalen Ansatz. Das klingt schwierig, ist es aber nicht. Hier zum Aufklappen für alle Interessierte:
Drei Begriffe als Basis für die Therapie
Sportwissenschaften
untersuchen unter anderem systematisch, wie Bewegung und körperliche Aktivität die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Menschen beeinflussen. Sie verbinden Grundlagenwissen aus Biologie, Physiologie und Psychologie mit praxisnahen Anwendungen – zum Beispiel Trainingsprogrammen, Präventionsmaßnahmen oder Rehabilitationskonzepten. Im Kontext von Long-COVID kann die Sportwissenschaft helfen, individuelle Strategien zu entwickeln, die Erholung fördern, Symptome wie Erschöpfung mindern und die körperliche Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt wieder aufbauen.
Mechanophysiologie
Die Mechanophysiologie hat zum Ziel, die Wechselwirkungen zwischen mechanischen Kräften und physiologischen Prozessen im menschlichen Körper zu erforschen und praktisch nutzbar zu machen. Durch empirische Forschung wird untersucht, wie Bewegung, Belastung und mechanische Reize Zellen, Gewebe und Organsysteme beeinflussen. Dieses Wissen ist besonders wichtig, um Trainings- oder Reha-Maßnahmen so zu gestalten, dass sie die Gesundheit fördern, die Belastbarkeit steigern und Schäden oder Überlastungen vermeiden.
Translationaler Ansatz
Ein translationaler Ansatz verfolgt das Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung direkt in praktische Anwendungen zu überführen. Das bedeutet, dass Befunde aus Laborstudien oder kontrollierten Untersuchungen gezielt genutzt werden, um konkrete Therapie-, Trainings- oder Präventionskonzepte zu entwickeln. Im Bereich Long-COVID ermöglicht ein solcher Ansatz, dass neue Einsichten über Krankheitsmechanismen unmittelbar in Reha-Programme, Trainingsleitlinien oder patientenorientierte Interventionen umgesetzt werden, wodurch Forschung und Praxis eng miteinander verknüpft sind.
Der Mensch wird im S.P.O.R.T Institut als System, also als äußerst komplexes Wesen gesehen, in dem sich Veränderungen stets gegenseitig beeinflussen. „Das System als Ganzes muss laufen“, sagt Haiduk. Dazu reiche es nicht, nach einer Diagnose oder Ersterhebung einen Trainingsplan aufzustellen und durchzuziehen.
Schritt für Schritt führt schneller zum Ziel
Bei allen Patienten, die im Institut trainieren, lassen die im Rahmen der Diagnostik beobachteten und gemessenen Veränderungen Rückschlüsse zu, welche Mechanismen im Körper beeinträchtigt sind, was das Training bewirkt – und welche Belastungen aktuell sinnvoll, tolerierbar oder kontraproduktiv sind. „Die Diagnostik liefert damit nicht nur Befunde, sondern eine belastbare Entscheidungsgrundlage für den weiteren Weg“, so Björn Haiduk. „Unser Training hat keine starren Pläne, sondern ist adaptiv; es wird fortlaufend angepasst.“ Fortschritt bedeutet dabei nicht nur „mehr“, sondern vor allem „passender“ für jeden individuellen Fall.
Bessere Rahmenbedingungen und der Wunsch nach mehr Zusammenarbeit
Der Informationsfluss zwischen einzelnen Gesundheitsakteuren sei manchmal schwierig, ist Haiduks Erfahrung. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit mit den Hausärzten und das S.P.O.R.T Institut als zentrale Anlaufstelle für Long-COVID. Mehr Kooperationspartner, die das TRIBAL-Programm in den eigenen Räumen umsetzen, wünscht er sich auch – insgesamt ein bundesweit vernetztes System, das für Long-COVID-Betroffene da ist. „Das funktioniert“, sagt er. „Es müssen nur mehr Einrichtungen werden. Je mehr, desto mehr Daten, desto besser auch die Behandlung.“
Aufnahme in das Deutsche Register Klinischer Studien
Die Erfolge kommen für Björn Haiduk in kurzen Abständen. Mitte Januar konnte Björn Haiduk über weitere Neuigkeiten berichtete: Das TRIBAL‑Programm hat offiziell den Weg in das Deutsche Register Klinischer Studien (DRKS) gefunden.
Die Aufnahme DRKS bedeutet, dass eine gesundheitsbezogene Studie am Menschen offiziell erfasst, auf Qualität geprüft und für die Öffentlichkeit einsehbar gemacht wird. Als von der WHO anerkanntes Register fördert das DRKS die Transparenz, hilft Doppelstudien zu vermeiden und dient als Informationsquelle für Patienten.
„Das ist ein wichtiger Meilenstein für die Versorgung von Long‑COVID‑Betroffenen und auch für die Forschung“, sagt Björn Haiduk. Damit werde die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit und die Grundlage für weitere multizentrische Studien geschaffen.
Und nun?
Nach allem, was sich in den vergangenen Jahren im S.P.O.R.T Institut weiterentwickelt hat, wirkt es unwahrscheinlich, dass nun alles bleibt, wie es ist. Was bleibt, ist mit Björn Haiduk ein Wissenschaftler und Unternehmer mit Visionen, aber auch mit konkreten Ideen für Innovationen und Entwicklungen. Welche das sind, möchte er noch nicht veröffentlichen. Grundsätzlich gelte: „Wir brauchen Mut, Dinge zu verändern, müssen klar im Denken und in der Richtung sein, und wir müssen Fakten schaffen und zeigen, dass es geht.“
Text: Karin Grunewald
Fotos: Anne Pesch, Karin Grunewald
Kluge Köpfe beim S.P.O.R.T Institut
Zu uns passen Menschen, die neugierig sind und über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Menschen, die ihr Wissen freigiebig mit anderen teilen, die ein Interesse an Forschung mitbringen und neuen Erkenntnissen gegenüber offen sind. Aufgrund unserer engen Verzahnung mit der Sporthochschule Köln sind wir bei unserer Arbeit immer nah an der Wissenschaft.
Wir suchen Teamplayer und Menschen, die unser Konzept mittragen. Wir sind davon überzeugt, wir können nur erfolgreich sein, wenn wir patientenorientiert arbeiten. Bei uns fühlen sich Menschen wohl, die offen und mit Interesse auf Andere zugehen.




